| Rezension:
Schnell noch Opas alte Marschmusik-Platten
rausgekramt und nach dem dritten Male "Preußens Gloria"
rieche ich förmlich schon das Schwarzpulver. Spaß beiseite, mit "Dragoon
- The Complete Battles of Frederick the Great" erwirbt der Spieler
ein wargame, das "nicht ohne" ist! Hier heißt es erstmal,
sich in die Gegebenheiten des 18. Jahrhunderts zurück zu versetzen.
Denn zu dieser Zeit kam es noch besonders auf echte Führungspersönlichkeiten
an und die Offiziere standen in vorderster Front, um den wankenden Männern
notfalls mit gutem Beispiel voran zu gehen, oftmals in den Tod. Die
wichtigsten Einheiten bei diesem runden-basierten wargame sind denn auch
die Anführer. Es gibt einen Oberbefehlshaber dem noch, je nach
Szenario, eine unterschiedliche Anzahl von Korpsführern unterstellst
sind. Diese Offiziere, welche natürlich historisch richtige Namen
tragen, können den ihnen unterstellten Einheiten, innerhalb eines
einblendbaren Bereiches, Befehle erteilen. Gekämpft wird mit
Infanterie, leichter Infanterie, Kavallerie und Artillerie, wobei es
wichtig ist die richtige Formation zur richtigen Zeit zu wählen. Für
lange Märsche in denen nicht mit Feindberührung zu rechnen ist, ist
die Marschformation sicher prädestiniert. Kampfformation sollte man
doch tunlichst bei den häufig auftretenden Scharmützeln im
Gefahrenbereich auch bei Bewegung beibehalten. Die Einheiten werden als
bunt uniformierte, ein wenig an Zinnsoldaten erinnernde, Figuren,
komplett in 2D und wenig animiert, dargestellt. Ebenso sparsam, wie mit
den Animationen, ist man auch mit den Geräuschen, die hauptsächlich
als energischer Gleichschritt, Pferdegetrappel und Kanonendonner an des
Spielers Ohr dringen. An dieser Stelle sollte sicher gleich erwähnt
werden, das die Graphik des Spieles insgesamt sicher nicht mehr dem
Stand der Zeit entspricht und bei einem "Dragoon II", was
hoffentlich einmal kommt, sicherlich deutlich verbessert werden sollte.
Vielleicht gibt es dann ja auch mal eine Begleitmusik, so daß ich Opas
alte Marschmusik-LP´s nicht immer im Hintergund laufen lassen muß. Ein
nettes Introfilmchen, auf welches man bei "Dragoon" vergeblich
wartet, ist sicher nicht unbedingt erforderlich, wertet ein Spielchen
doch aber immer ein wenig auf, wenn es gut gemacht ist. Das spartanische
Eingabe- und Reaktionssystem könnte ebenfalls ein wenig freundlicher
gestaltet werden und mutet schon ein wenig vorsintflutlich an. Soviel
zur konstruktiven Kritik, die sich zum Glück nur auf diese Dinge beschränkt.
Das Spielprinzip ist erfrischend effektiv und spannend, denn es wird
nicht stur der Reihe nach gezogen, sondern die Initiative wird von den
jeweiligen Anführern ergriffen, so daß ein linearer Spielverlauf der
Vergangenheit angehört! Diese realistische Eigenschaft des Spieles war
eine wirklich freudige Überraschung. Jeder General oder Anführer ist
unterschiedlich und daher wurde auch dieses Prinzip gewählt. Es läuft
im Spiel dann so ab, das eine Partei beginnt und mit einem Anführer,
den Truppen die ihm unterstellt und in seinem Befehlsbereich liegen,
Befehle erteilt. Danach kann es durchaus sein, das nun ein gegnerischer
Anführer an die Reihe kommt, obwohl noch gar nicht alle Einheiten der
beginnenden Partei befehligt wurden. Man weiß also nie genau, wer als nächster
die Initiative ergreifen wird. Es kann auch sein, das ein General, der
weit von seinen Truppen entfernt ist, überhaupt keine Befehle erteilen
kann. Die Bedeutung der Anführer kann man also gar nicht oft genug
hervorheben. Meine Befürchtung, das ich vor lauter bunten Uniformen,
meine eigenen Leute nicht mehr finden würde, war zum Glück völlig
unbegründet, denn durch farbige Randmarkierungen weiß man sofort,
welchen Einheiten man Befehle erteilen kann und welchen nicht. In den 25
Szenarios, die alle auf den tatsächlichen Schlachten Friedrichs des Großen
beruhen, kann man nicht nur die Preußen wählen, sondern selbstverständlich
auch die Armeen der Koalition befehligen oder gegen einen menschlichen
Spieler antreten. Internet und PBEM-Spiele sind aber nicht möglich. Mit
dem Szenario-Editor kann man sich sogar neue Karten erschaffen und
eigene Schlachten entwerfen. Die Karte enthält zahlreiche Terraintypen,
die sich nicht nur äußerlich unterscheiden, sondern auch Einfluß auf
das Kampfgeschehen haben. Wird eine Einheit leichter Infanterie z.B. auf
freiem Feld von feindlicher Kavallerie angegriffen, so wird nicht viel
von ihr übrig bleiben. Ist die leichte Infanterie hingegen im Wald oder
gar einem Fort verschanzt, so werden sich die Reiter an ihnen die Säbel
stumpf hauen. Die taktischen Möglichkeiten sind also sehr zahlreich und
man sollte die Terraintypen unbedingt berücksichtigen, will man mit
Erfolg die durch Fahnen markierten Sieg-Hexfelder besetzen und auch
halten. Zu diesen taktischen Möglichkeiten gehören natürlich auch
Flankenangriffe oder gar das "in den Rücken fallen" der
Gegner, was sehr effektiv ist. Die Ordnung und Disziplin einer Einheit
spielen ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Sinkt die Moral, durch zu
hohe Verluste, kann es zu panischer Flucht ganzer Einheiten kommen und
wenn dann kein fähiger Offizier zum sammeln rufen kann, werden die
Einheiten fluchtartig das Spielfeld verlassen. Eine in Unordnung
befindliche Einheit ist in diesem Zusatnd auch nicht mehr zu vernünftiger
Bewegung fähig, also muß der Spieler schon sehr genau abschätzen,
wieviel er seinen Truppen abverlangen kann. Diese Vielzahl an
Bedingungen und Möglichkeiten verleihen "Dragoon" die
richtige Mischung für ein packendes und anspruchsvolles Strategiespiel.
Das "häßliche Entlein" entpuppt sich somit als "stolzer
Schwan"! Wem ein gut durchdachtes Spielprinzip lieber ist, als betörende
Grafikeffekte und wer mehr Wert auf länger anhaltenden Spielspaß, als
auf " Fünf-Minuten-Schlachten" legt, dem sei "Dragoon
- The Complete Battles of Frederick the Great" wärmstens
empfohlen. Perfekt wäre natürlich, wenn Dragoon mit einer
ansprechenden Grafik ala "Close Combat 3" aufwarten könnte
und auch die Eingabemöglichkeiten und das scrolling modernisiert würden,
aber mir persönlich ist es doch lieber ein vernünftiges Spielprinzip
zu bekommen, anstatt mich mit sinnlosem Blendwerk auseinandersetzen zu müssen.
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