Systemanforderungen: Windows 95/98/NT/2000/XP, DirectX 8.1, Pentium 300 MHz mit 64 MB RAM, 2 MB Video RAM Fazit
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Rezension
Hintergrund

Fazit:

Hearts of Iron von Paradox Entertainment wird seinem selbst gestelltem Anspruch, das tiefgründigste Strategiespiel zu sein, welches je entwickelt wurde, leider nicht gerecht. Der Name scheint hier Prinzip zu sein: Es ist schon paradox, wie man mit einem derartigen Spiel die Spieler "entertainen" = unterhalten will. Der Ansatz an sich ist wirklich klasse und wohl jeder Hobby-Stratege träumt von einem derartigen Spiel -  nur leider ist die Umsetzung bei Hearts of Iron ziemlich misslungen. Warum einfach, wenn´s auch kompliziert geht? Das scheint das Motto der Entwickler gewesen zu sein. Wirklich schade! Außerdem weist die deutsche Version auch einen üblen Bug auf, der das Spiel plötzlich abstürzen lässt.


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Rezension:

Hearts of Iron von Paradox Entertainment wird in Deutschland scheinbar von Koch Media vertrieben. Scheinbar -  weil auf der äußeren Packung davon nichts zu sehen ist, nur im Vorspann taucht ganz kurz - und geradezu verstohlen wirkend - das Logo von Koch Media einmal kurz auf. 

Die Werbetexte auf der Packung versprechen dem passionierten Strategen den Himmel auf Erden! Der zweite Weltkrieg in phantastischer Detailtiefe, DAS strategische Zweite-Weltkrieg-Spielerlebnis, episches Gameplay von 1936 bis 1948, optimales Spiel für die ganze Fangemeinde, Szenario-Editor, Mehrspieler, fast alle Nationen der Welt spielbar, historische Generäle und Staatsoberhäupter mit unterschiedlichen Fähigkeiten, über 100 verschiedene Einheiten, hochgradig ausgereiftes Forschungssystem, komplexes Diplomatiesystem und noch viele weitere unglaubliche Eigenschaften die sich ein begeisterter Rundenstratege nur wünschen kann. Da greift man doch gerne zu und berappt mal eben ca.: 35,- Euro für DAS Strategiespiel des Jahrtausends. Habe ich mir auch gesagt und mir ein Exemplar von Hearts of Iron gesichert, nach Hause getragen und voller Vorfreude installiert. 

Das Hearts of Iron in grafischer Hinsicht auf der Ebene von Shareware - oder Hobbyprodukten liegt, kann ich gerade noch verkraften. Mir kommt es mehr auf die "inneren" Werte des Spieles an und wenn der Rest wirklich so ist, wie die Werbung versprach, dann ist es okay. Hässlich ist die Grafik auch nicht, nur zeigen andere Produkte sehr deutlich was heute mit einem Computer möglich ist. Warum sollte das nicht auch für Strategiespiele mit Realitätsanspruch gelten? Nun denn, die "2 Stunden qualitativ hochwertiger Musikaufnahmen im MP3-Format" entpuppen sich jedenfalls als Klassik-Gedudel, das einen nach kurzer Zeit in eine Art "Schlaf-Trance" lullt. Dieser Zustand wird durch die extrem fummelige Benutzeroberfläche und das langweilige Tutorial, was mich eher an ein altes Text-Adventure erinnert, weiter verstärkt. Bevor mein Kopf auf die Tischkante aufschlägt, breche ich das Tutorial lieber ab und widme mich dem Handbuch. Auf den 68 Seiten wird versucht der Eindruck zu erwecken, das man genau wüsste was ein Strategiespieler so will und braucht. Ich weiß zwar nicht was andere brauchen, ich bräuchte aber im Falle von Hearts of Iron erstmal ein ausführlicheres Handbuch. Wenn man schon Druckkosten sparen will oder muss, so könnte man ja wenigstes ein ausführliches Handbuch auf der CD mit anbieten. Bei Hearts of Iron ist diesbezüglich Fehlanzeige. Detaillierte Darstellungen der Einheitenwerte oder Übersichten der verzweigten Forschungsmöglichkeiten auf Übersichtskarten oder -blättern gibt es hier im Gegensatz zu anderen Spielen auch nicht. Also schön, trotz dieser ersten Enttäuschungen will ich immer noch unbedingt eine Kampagne spielen und starte hoch motiviert das große Spiel: 1936 bis 1948! 

Als Staatsoberhaupt kontrolliere ich nun ein Land. Leider kann ich aber meinen Namen nicht eingeben, sondern bin z.B. als Oberhaupt des deutschen Reiches ein gewisser Herr Hiller. Ja, Sie haben richtig gelesen. HILLER heißt der Mann. Mit zwei L und ohne T. Toll diese historisch korrekten Persönlichkeiten, finden Sie nicht auch? Lernen Sie später dann auch den dicken Kumpel von Herrn Hiller kennen, der heißt übrigens Görink. Die meisten anderen Personen werden aber mit den richtigen Namen genannt, nur bei ein paar "kritischen Problemfällen" werden Phantasienamen verwendet. Jede Person wird in eine Art Klasse eingeteilt und weist unterschiedliche Fähigkeiten auf, wobei diese Klassen seltsame Namen tragen und auch von Rubrik zu Rubrik verschieden sind. Bsp.: Außenminister - 1.Klasse: Voreingenommener Intellektueller 2.Klasse:  Ideologischer Kreuzritter. Admiräle - 1.Klasse: Seewolf 2.Klasse: Blockadebrecher 3.Klasse: Überragender Taktiker 4.Klasse: Beobachter. Von Zeit zu Zeit können Persönlichkeiten ausgetauscht werden und dadurch die Parameter verändert werden. Jede Klasse verändert nämlich diverse Parameter. Bsp.: Durch Austausch eines Sicherheitsministers einer anderen Klasse kann die Unmutsrate gesenkt werden.

Nun fragen Sie, was ist denn die Unmutsrate? Hearts of Iron beschäftigt sich nicht nur mit kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern auch mit wirtschaftlichen Aspekten. Es gibt die Rohstoffe: Kohle, Stahl, Gummi und Öl. Weiterhin wird noch "Nachschub" produziert. Die gesamte Produktion ist wiederum abhängig von der Industriekapazität (IC). Die IC ist eine Zahl, z.B. 300. Diese Industriekapazität wird nun mittels fürchterlich zu steuernden Schiebereglern auf die Bereiche Volk, Forschung und Produktion von Waffen verteilt. Alle diese Bereiche verschlingen diverse Rohstoffe. Es sollte also immer für genügend Kohle, Stahl, Gummi, Öl und Nachschub gesorgt werden. Reicht die eigene Produktion nicht aus, so kann rudimentär Handel auf dem Weltmarkt betrieben werden. All diese Funktionen sind in unübersichtliche und benutzerunfreundliche Menüs verpackt. Immerhin bekommt man zum Glück noch weitere Informationen, wenn man den Mauszeiger ein wenig auf dem angewählten Symbol verharren lässt. Bei der geringsten Bewegung verschwinden diese aber auch wieder. Zu Unmut kommt es, wenn das Volk nicht in ausreichendem Maße versorgt wird. Durch Unmut sinkt die IC, was die Situation wiederum weiter verschlechtert. Durch Überversorgung kann Unmut ebenso abgebaut werden, wie durch den erwähnten Ministerwechsel, vorausgesetzt es steht ein Minister mit den entsprechenden Eigenschaften zur Verfügung. Besitzt man Kolonien, so kann man sich die Rohstoffe per Konvoi heranbringen lassen, was alles persönlich eingestellt werden muss. 

Besonders viel Unmut wird allerdings beim Spieler erzeugt, denn eigentlich alle Menüs sind so dermaßen schlecht zu bedienen, das nur zähe Strategiefanatiker nicht vor ihnen kapitulieren. Zu dieser Sorte gehöre ich auch und deswegen habe ich stundenlang weitergespielt, wobei ich mir aber kaum vorstellen kann das Genre-Neulinge diese Engelsgeduld ebenfalls aufbringen werden. Leider sind die Übersetzungen auch nicht gerade gut gelungen. Oft reicht der Platz für deutsche Bezeichnungen nicht mehr aus, so dass sich Buchstaben überlagern oder ein Wort abgeschnitten wird, andere Bezeichnungen wurden vorsichtshalber erst gar nicht in unsere schöne Muttersprache übersetzt und erscheinen in englisch.

Hearts of Iron ist auch gar kein rundenbasiertes Strategiespiel, sondern ein Echtzeitspiel. Alle paar reale Sekunden vergeht eine Stunde im Spiel. Die Zeit kann man mit einem winzig kleinen Schalterchen anhalten, um so endlich die Ruhe zu finden vernünftige Befehle einzugeben. Als rein rundenbasiertes Spiel wäre Hearts of Iron deutlich besser spielbar! So fummelt man ständig an der Pausentaste rum und lässt die Zeit mal langsamer und mal schneller laufen. Das dieses Spiel durchaus sehr gute Ansätze hat zeigt z.B. der akribisch recherchierte Forschungsteil. Es ist durchaus möglich im Jahre 1939 bereits mit einem Panther an die Front zu fahren, allerdings muss man dann auf andere Bereiche verzichten, wie z.B. eine moderne U-Boot-Flotte. Hier hat der Spieler herrlich viel Freiheit sich selbst zu entscheiden. 

Kommen wir nun zu den Kämpfen. Wahlweise können NATO-Symbole oder einfache Einheitengrafiken angezeigt werden. Es gibt 1. Landeinheiten: Infanterie - Kavallerie - Mot. Infanterie - Mech. Infanterie - Panzer - Fallschirmjäger - Marine-Infanterie - Gebirgsjäger und Milizen. 2. Lufteinheiten: Jäger - Strategische Bomber - Taktische Bomber - Marine-/Torpedobomber - Transporter und Nachtjäger. 3. Marineeinheiten: Schlachtschiffe - Kreuzer - Zerstörer - Flugzeugträger - U-Boote - Transporter. Die Landeinheiten werden in Divisionen eingeteilt, wobei diese bei der Erstellung verstärkt werden können: entweder mit Artillerie, oder mit PAK bzw. FLAK oder Pionieren. Mehrere Divisionen können zu Korps oder Armeen zusammengestellt werden. Das geht auch mit Flugzeugen und Schiffen. Jeder Division kann ein persönlicher Kommandant zugeteilt werden. Die Werte der Kommandanten sind unterschiedlich und je höher sie sind, desto besser ist er. Weiterhin zeichnen sich die hohen Herren noch durch evtl. vorhandene Sonderboni aus. Bsp.: "Pionier" - Bewegung und Angriffe über Flüsse ohne Punktabzüge.

Man wählt eine Einheit per Mausklick an und weist ihr mit Rechtsklick ein Ziel zu. Dann wird sich die Einheit dorthin begeben, was unterschiedlich lange dauert. Motorisierte Einheiten sind natürlich schneller  als Fußtruppen. Wichtig ist es die Nachschublinien offen zu halten, denn wird eine Einheit umzingelt und attackiert, so wird sie sich irgendwann ergeben müssen und sie ist verloren. Das Spielfeld, also die Karte, erinnert an Spiele wie "Risiko" oder "Axis&Allies". Jede Provinz ist soz. ein Spielfeld. Es gibt bei Hearts of Iron also keine Hexfelder! Die Karte lässt mehrere Darstellungen zu: Wirtschaft, Wetter, Politik, Nachschub etc., so dass man sich schnell einen Überblick verschaffen kann. Der Computergegner ist nicht unbedingt ein Genie, doch seine Vorstöße mit einzelnen Divisionen können doch schon erfolgreich sein. Schließlich kann man mit seinen Truppen ja nicht überall gleichzeitig sein. Verbündete Nationen agieren selbstständig (= ziemlich unkoordiniert) und überlassen dem Spieler hin und wieder ein paar Einheiten zur Steuerung. Besonders ärgerlich war mein Angriff auf Griechenland... Ich eroberte mit starken Speerspitzen das ganze Land, hatte aber nichts davon, da meine Verbündeten immer lustig hinterhermarschierten, das Land besetzten und erhielten. Das liegt wohl daran, das keine direkte Verbindung zwischen meinem und dem eroberten Territorium besteht.....(Grummel!).

Als friedliebender Mensch probierte ich einmal die Vermeidung des Krieges aus und beließ den Polen den Korridor. Dummerweise griffen mich dann die Alliierten ein Jahr später von sich aus an. Immerhin kann man mit Hearts of Iron alles mögliche ausprobieren und versuchen den Lauf der Geschichte zu ändern. Das würde mir auch einen Riesenspaß bringen, wenn da nicht immer der Kampf mit den Menüs und der Pausentaste wäre. 

Abschließend noch ein paar Worte zum Diplomatie-Part. Eine wirklich tolle Idee, doch auch hier ist wieder die Umsetzung nicht ausgereift. Hier scheint viel auf dem Prinzip "Zufall" zu basieren, was eine Planung kaum möglich macht. Ein gewisser Zufallsfaktor ist ja durchaus realistisch, aber bei dem Diplomatiesystem von Hearts of Iron weiß man nie so genau wo dran man ist. Man bekommt auch keine Prozentwerte mitgeteilt, sondern nur vage Aussagen wie z.B.: Sie konnten das Land XYZ "ein wenig" beeinflussen. Toll, das ist aber keine Aussage mit der ich was anfangen kann.

Spieler, denen das verkorkste Menüsystem nichts ausmacht und die es evtl. schon von "Europa Universalis" her kennen, könnten sich mit Hearts of Iron wohl anfreunden. Dieses Spiel benötigt enorm viel Eingewöhnungszeit und kleinste Fehler (z.B. bei der Forschung) in der Anfangsphase können den gesamten Spielablauf negativ beeinflussen. Dieser Titel dürfte nur für Hardcore-Strategen mit viel Leidensfähigkeit interessant sein. Es ist wirklich sehr schade das dieses hervorragende Grundkonzept so unschön umgesetzt wurde. So wird man dem Genre jedenfalls kaum neue Impulse geben können, sondern dreht sich weiter im alten Saft vergangener Zeiten.


Hintergrund:

Packungstext: "Hearts of Iron ist das erste PC-Spiel über den Zweiten Weltkrieg mit einem wahrhaft gewaltigen strategischen Rahmen! Das Spiel umfaßt die ganze Welt und ermöglicht Ihnen so, an jeder Front zu kämpfen. Sie können die Führung jeder Nation auf dem Globus übernehmen, jedoch konzentriert sich das Spiel auf das epische Ringen zwischen großen Weltordnungen - Faschismus, Kommunismus und Demokratie."


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